Der EWFT trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Uwe Otto

Mitteilungen

Der Erziehungswissenschaftliche Fakultätentag trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Uwe Otto (6.1.1940 bis 27.10.2020), Initiator des EWFT.

Der Erziehungswissenschaftliche Fakultätentag wurde 2002 mit einer Gründungsversammlung an der Universität Bielefeld 2002 ins Leben gerufen, und zwar auf eine Initiative hin, die ganz wesentlich von Hans-Uwe Otto getragen wurde. Seine Reputation und sein Charisma im persönlichen Umgang führten dazu, dass (so gut wie) alle kamen.

Zum Kontext und zur Vorgeschichte ist daran zu erinnern, dass Hans-Uwe Otto zuvor in Nordrhein-Westfalen eine Landeskonferenz Erziehungswissenschaft initiiert hatte, die sehr bald zu einer wichtigen Quasi-Institution für die Artikulation der gemeinsam vertretbaren Interessen der universitären Standorte der Erziehungswissenschaft gegenüber der Landesregierung wurde, die seinerzeit nicht nur die Rechtsaufsicht, sondern auch in Teilen die Fachaufsicht über die Universitäten hatte – in Form der Genehmigung sämtlicher akademischer Prüfungen (nicht nur der Staatsprüfungen). Dies ging erst mit der Reform des Systems in die Selbstzuständigkeit der Universitäten über, die sich dafür dem Regiment der Akkreditierungsagenturen und diese wiederum einer Akkreditierungsagentur unterstellten. Die Einrichtung eines Erziehungswissenschaftlichen Fakultätentages war aus der Perspektive von Hans-Uwe Otto die Konsequenz aus der Erfahrung mit der Landeskonferenz Erziehungswissenschaft, nun bezogen auf die Bundesebene von Bundesregierung und Kultusministerkonferenz. Hinzu kam die konfliktäre Interessenlage der Fakultätentage gegen die Hochschulrektorenkonferenz, seitdem die Hochschulleitungen nicht mehr nur gewählte Repräsentanten der res publica der Universität waren, sondern im neoliberalen Geist nach dem impliziten Modell der Aktiengesellschaft Vorstandsvorsitzende einer Universität, die nicht länger Bildungs- und Forschungsinstitution des Staates sein sollte, sondern faktisch wie ein Wirtschaftsunternehmen in Konkurrenz um Gelder und Studierende ihre – vorgebliche - Leistungsfähigkeit präsentieren und behaupten sollte. Diese Perspektive widersprach dem Interesse der kollegial verorteten Fakultätsleitungen.

Für die Erziehungs- oder Bildungswissenschaft stellte sich dabei das von Hans-Uwe Otto immer wieder thematisierte Problem, dass der bisher für dieses Fach zuständige Philosophische Fakultätentag durch die in ihm residierenden Philologen und Historiker ausschließlich auf die Gymnasiallehrerbildung schauten, und hier nur auf den Fachanteil unter Absehung von Fachdidaktik und Bildungswissenschaft. Die außerschulischen Bestandteile des Faches, die quantitativ teilweise umfangreicher waren als die Beteiligung an der Lehramtsausbildung, waren dabei gar nicht im Blick. Gegen nicht unbeträchtliche Widerstände des Philosophischen Fakultätentages, welche Hans-Uwe Otto in Hintergrundgesprächen geschickt und erfolgreich auffangen konnte, gelang dann die Etablierung des EWFT, dessen Mitglieder, wie dann ersichtlich wurde, keineswegs oder auch nur mehrheitlich aus Philosophischen Fakultäten kamen; denn die Organisation der Erziehungs- und Bildungswissenschaft war längst ausdifferenziert worden.

Die Interessenidentität von Fragen der professionellen Ausbildung mit fachlichen Fragen der Disziplin tarierte Hans-Uwe Otto durch seine kontinuierlichen Gespräche mit dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft aus, der von Anfang an in die Gründung des EWFT einbezogen wurde. In diesem Rahmen wurden zahlreiche gemeinsame oder arbeitsteilige Positionen erarbeitet und veröffentlicht.
Seine Aktivitäten im Rahmen des EWFT bildeten nur ein Element unter den äußerst vielen wie vielfältigen nationalen wie internationalen Initiativen, die er in die Welt brachte, um als kritischer Intellektueller in unterschiedlichen Konstellationen am herausfordernden Theorie-Praxis-Verhältnis zu arbeiten. Den Ausgangspunkt seines großformatigen Unternehmens bildete, wenn man es historisch betrachtet, seine Dissertation „Intellektuelle im Prozess des sozialen Wandels. Zur gesellschaftlichen Vermittlung von Erkenntnis und Handlungsorientierung. Eine empirische Untersuchung in Calcutta“ (1974), die er nach einer Ausbildung zum Schiffsmaschinenschlosser in Duisburg - als Ergebnis seiner Emigration ins Ruhrgebiet von Husum aus -, einem Studium an der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in Dortmund und einem folgenden Studium der Soziologie an der Universität Münster im Kontext eines längeren Aufenthaltes in eben dieser indischen Metropole erarbeitete.

Zu diesen über alle Jahre währenden Aktivitäten zählen in einer unvollständigen Aufzählung seine Vorstandstätigkeiten in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und der Kommission Sozialpädagogik, seine Tätigkeiten als Dekan wie als Prorektor an der Universität Bielefeld und Rektor der pädagogischen Hochschule Halle-Köthen, als Mitglied des DFG-Fachgutachter-Ausschusses (inklusive Vorsitz), als Vorsitzender der Kommission zur Erarbeitung des neunten Jugendberichts; komplementär dazu war er der Initiator des Bielefelder Sonderforschungsbereichs 227, des DFG Graduiertenkollegs „Jugendhilfe im Wandel“, vielfältiger EU-Forschungsprojekte und des internationalen Kongress-Netzwerks TISSA. Seine wissenschaftlichen Kompetenzen fanden zudem einen entscheidenden Ausdruck in der großformatigen Förderung wissenschaftlicher Initiativen in der Gestalt von unzähligen Dissertationen und diversen Habilitationen, die alle wesentlich auf seiner großartigen Fähigkeit aufruhten, ideenreich und den Menschen zugewandt innovative Ideen zu entwickeln - dies im Übrigen in einer Vermittlung von quantitativen und qualitativen Verfahren.
Seine wissenschaftliche Produktivität, die in zahllosen nationalen wie internationalen Veröffentlichungen und Kooperationen (u.a. mit Universitäten in China, Griechenland, Russland und USA sowie professoralen Positionen dort) ihren Ausdruck fand – und national wie international große Anerkennung gefunden hat -, kann jetzt quasi theoriegeschichtlich als Bogen von einer seiner ersten sehr breit rezipierten Publikation aus dem Jahre 1973 „Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit“ (hg. mit S. Schneider in zwei Bänden) zu seiner letzten Publikation „Soziale Arbeit im Kapitalismus“, die vor vier Monaten erschien, beschrieben werden. Dabei beschreiben dieser Haupttitel wie auch der Untertitel „Gesellschaftstheoretische Verortungen. Professionspolitische Positionen. Politische Herausforderungen“ exakt nicht nur entscheidende Gegenstände seiner wissenschaftlichen Interessen und Perspektivierungen, sondern auch seine Leistung als einer der Gründer einer sozialwissenschaftlich orientierten und emanzipatorisch akzentuierten Sozialen Arbeit in der Bundesrepublik. Dabei kommt Hans Uwe Otto ob seiner sozialwissenschaftlichen Grundorientierung - mit entsprechenden Folgen für Leitmotive und Argumentationsfiguren seines wissenschaftlichen Ansatzes - sicherlich eine ihn von seiner Alterskohorte abgrenzende Singularität zu. Damit ist ihm eine Grundlegung gelungen, die nach den Gründungsjahren facettenreich entfaltet worden ist, auch weil er in der großen Zahl von Forschungsprojekten immer wieder auf dem Zusammenhang zwischen theoriegesättigter Empirie und empirisch fundierter Theoriebildung insistierte (was auch als Ausdruck seiner quantitativen Verortung in der soziologischen Frühzeit verstanden werden kann).

Zusammenfassend lässt sich sagen - und auch dies gehört zur Menschenfreundlichkeit Hans Uwe Ottos, die der Wissenschaftlichkeit unterlegt ist, in seiner Fähigkeit zur Hinwendung anderen gegenüber sich findet -, dass es ihm systematisch darum gegangen ist, in den gesellschaftspolitisch begründeten Auseinandersetzungen um die Bedeutung wie die Möglichkeiten Sozialer Arbeit in einem neoliberal verfassten Kapitalismus, dessen sozial- staatliche Fassade immer mehr abblättert, emanzipatorische Alternativen im Interesse eines ‚guten Lebens‘ aller zu finden – dies auch im Interesse von Disziplin, Profession und Adressaten. Vor dem Hintergrund seiner Kenntnisse der „alten Zeiten“ handelt es sich um die heute auf der Tagesordnung stehende Verteidigung sozialstaatlicher Prinzipien angesichts steigender strukturell produzierter sozialer Ungleichheit, um nicht das Wiederaufleben alter Fürsorgetraditionen (wie sich am Beispiel von Hartz IV erkennen lässt) hinnehmen zu müssen. Dies schloss für ihn die Verteidigung von sozialen Rechten wie die Arbeit an der Demokratisierung aller Lebensbereiche ein.

Seine kritischen und produktiven Einmischungen in Wissenschaft und Politik werden fehlen.

Wolfgang Nieke/Heinz Sünker